Der Putzlappen glitt über die Anrichte, saugte die letzten Spritzer des Spülwassers in sich auf. Ich war zwischen Patienten damit beschäftigt, einfach ein bisschen aufzuräumen, als es mich traf… eine fürchterliche Trennungsempfindung unterhalb meines Brustbeins. Ein großer energetischer Verbindungsstrang, der da seit nahezu zwei Jahren gewesen war, wurde mit einem Mal aus meinem Energiefeld gerissen. Jemand in meinem Leben hatte sich entschieden, die Verbindung zu mir zu beenden, als Bestrafung dafür, dass er sich ausgetauscht fühlte. Energetische Verbindungen existieren, um die empfundene Verbindungslücke zu schließen. Nach erstem Dafürhalten mag man erwarten, dass es am besten ist und der Gesundheit zuträglich, diese Verbindungsstränge zu kappen. Doch sie abzutrennen oder abzuschneiden heißt, weiteres Trauma in einem System zu erzeugen, das sie als ein Ergebnis der Angst vor Trennung erzeugte. Einen energetischen Strang wie diesen zu durchtrennen, ist wie einer Mutter eine Brust abzuschneiden, so dass das Kind entwöhnt wird. Ein energetischer Verbindungsstrang muss bis zu dem Grad geliebt werden, dass kein Bedürfnis mehr nach ihm existiert, weil in einem Zustand von Liebe es keine energetische Trennung gibt und folglich kein Bedürfnis für eine Anhaftung. Er löst sich einfach auf. Wenn ein Strang abgeschnitten wird, erfahre ich sehr hohe Grade an Trauma. Ich kann es nicht nur fühlen; ich kann es auch bildlich sehen und vernehmbar hören. Als gestern dieser Verbindungsstrang aufgelöst worden ist, da konnte ich über die Empfindungen des Abgetrenntwerdens und Im-Stich-gelassen-Werdens das intensive „Ausbluten“ in meinem Emotionalkörper sehen, das als Ergebnis stattfand. Ich saß auf dem Boden des Badezimmers, versuchte das energetische Ausbluten mit den Tränen zu reparieren, die über mein Gesicht liefen.

Manchmal geht deine spirituelle Praxis den Bach runter und deine Schwingungsebene fällt stark ab, egal wie „geübt“ du bist. Wenn du ein spiritueller Lehrer wirst, wirst du ein Spiegel für die Welt. Anders ausgedrückt, du wirst zur Projektionsfläche der Welt. Das macht „Ausrichtung“ noch wichtiger, doch wird deine Ausrichtung andauernd auf die „Probe“ gestellt. Ich fühlte mich, als ob mich jemand mit einem Grapefruitlöffel an meinem Herzen operiert hätte. Mein Brustkorb fühlte sich an wie aufgeweichtes Krebsfleisch. Und ich befand mich in einer Schwingung von Hoffnungslosigkeit. Hoffnungslosigkeit funktioniert wie ein Spinnennetz. Je verzweifelter du dich fühlst, mit großer Anstrengung bemüht, da herauszukommen, desto mehr verwickelst du dich darin. Aber trotzdem versuchst du es und du kommst an die widerlichste Erfahrung auf Erden… Es ist die Erfahrung, dass man nicht das oberste Regal erreichen kann.

Die „Nicht das oberste Regal erreichen können“-Erfahrung geschieht, wenn dein Schwingungszustand niedrig genug ist, dass alle Ratschläge (besonders die hoch schwingenden spirituellen Ratschläge) nur dazu dienen, dich noch bewusster darüber werden zu lassen, in was für einer hoffnungslosen Lage du dich befindest. Es macht dir mehr bewusst, wo du nicht bist. Du willst an einem Platz mit hoher Schwingung sein, aber du kannst buchstäblich nicht an diesen Platz gelangen, weil der Frequenzunterschied oder die Frequenzunvereinbarkeit von dem, wo du bist und wo du sein willst, einfach zu groß ist. Es ist genauso unmöglich, das schwingungsmäßig oberste Regal zu erreichen, wie es unmöglich ist, über den Grand Canyon zu springen und doch hat jeder, der auf dem obersten Regal ist, die Tendenz, spöttisch auf dich herab zu blicken und dir Dinge zu sagen, die im Großen und Ganzen so zusammengefasst werden können, dass du „einfach das oberste Regal erreichen musst“, als ob sie gar nicht sehen würden, dass du das verzweifelt zu tun versuchst und es nicht schaffst und jetzt eine Platz der Verzweiflung erreichst.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ein wichtiger Grund dafür, dass ich als spiritueller Lehrer so populär bin und ein Grund dafür, dass ich so motiviert bin, mit meiner Rolle hier auf Erden weiterzumachen, dass ich persönlich den Top-Down-Ansatz für spirituelle Praxis verabscheue. Und also ist dieser Ansatz nicht der Stil, wie ich lehre. Der Top-Down-Ansatz ist der traditionellste Ansatz, den sich spirituelle Lehrer in der Spiritualität aneignen. Der Top-Down-Ansatz in der Spiritualität heißt, Lehren über das „Endstadium“ anzubieten. Normalerweise wird bei Endstadium-Lehren kein „Wie“ angeboten. Zum Beispiel, wenn ein spiritueller Lehrer sagt, „du musst vergeben“ oder „lebe vom Herzen“ oder „lass los“, dann sind das Endstadium-Lehren.

Vergebung ist das natürliche Nebenprodukt eines Integrationsprozesses, der sich in einer Person entwickelt. Du kannst dich nicht einfach dafür „entscheiden“ zu vergeben, als ob es einen Knopf gäbe, den du einfach drücken könntest und Vergebung regnete auf dich herab. Wenn Vergebung ein Knopf wäre, den Leute drücken könnten, hätte ihn schon jeder vor ewig langer Zeit gedrückt. „Lebe vom Herzen“ und „lass los“ sind abstrakte Konzepte, Erfahrungen, die nicht in Begriffe gefasst werden können.

Wenn ein spiritueller Lehrer höhere Ebenen von Wahrheit anbietet, die nicht in der körperlichen Dimension gespiegelt werden, so wie „alles ist Eins“ oder „du bist nie allein“, werden auch diese zu Top-Down-Ansätzen, weil sie eine Sichtweise sind, die nicht von der rein zeitlichen Perspektive aus erfasst werden können. Deshalb sind sie, ob sie nun wahr sind oder nicht, uneffektiv, theoretisch korrekt zwar, aber unanwendbar. Tatsächlich können sie manchmal direkt schädlich sein, weil sie, wenn sie jemandem in einem relativ niedrigen Schwingungszustand überbracht werden, dazu führen können, dass diese Person in die Hoffnungslosigkeit von dem verfallen kann, wie sie die Welt wahrnehmen „sollten“ im Gegensatz zu dem, wie sie die Welt tatsächlich wahrnehmen. Das drängt Menschen in den Glauben hinein, dass etwas in ihrem Inneren nicht stimmt.

Nach meinem Dafürhalten, egal ob wunderbare, hoch schwingende (von höheren Ebenen kommende) spirituelle Wahrheiten wahr sind oder nicht, sie sind theoretisch; es sei denn, sie können direkt auf dein Leben angewendet werden. Sie sind in den niederen Ebenen der Realität genauso unwirklich wie ein Einhorn. Wenn ich dir sagte, „du wirst in Ordnung kommen, du musst nur das Einhorn finden“, ist es sehr wahrscheinlich, dass dich das nicht gut fühlen lassen würde, es würde dich hoffnungslos machen. Wenn jemand gegenwärtig in der dreidimensionalen Wirklichkeit ist und an der Trennung in dieser Perspektive leidet, so ist ihm die spirituelle Wahrheit anzubieten „du bist niemals allein“ ist nutzlos, obwohl sie wahr ist, weil man sich einfach im Raum umschauen und klar erkennen kann, dass du der einzige bist und das laute Schweigen der Isolation hörst und also verursacht es einen inneren Krieg zwischen der Wirklichkeit, die du wahrnimmst und der Wirklichkeit, die du glaubst, wahrnehmen zu „sollen“. Dieser Weg führt zu Verzweiflung und Selbsthass.

Der typische spirituelle Lehrer würde sagen, dass durch das Präsentieren dieser Wahrheiten die Menschen in Richtung ihrer ewigen Selbste gezogen werden, wie ein Leuchtturm, der ein Schiff durch sein Leuchtfeuer zur Küste leitet. Ich werde mich darum nicht streiten. Du kannst den Samen des Erwachens in das Wesen von Menschen einpflanzen und beobachten, wie sie aufkeimen. Für mich aber wird durch das vorherrschende Lehren von oben herab das Tor für Erfahrungen in Menschen von „Nicht das oberste Regal erreichen können“ geöffnet. Außerdem setzt du dich der Gefahr aus, nicht in der Lage sein zu können, Menschen in einer niedrigeren Schwingung „erreichen“ zu können. Einem Menschen, der gegenwärtig in einer sehr niedrigen Schwingung ist, sehr hochschwingende spirituelle Wahrheiten zu verkünden, ist wie das Aussenden eines Radiosignals auf 67,8 FM für Menschen, deren Empfang auf 98,5 AM abgestimmt ist. Sie werden nicht in der Lage sein, das Signal zu empfangen und folglich nicht wahrnehmen. Das ist der Grund dafür, warum es so wichtig ist, sich auf diejenigen einzustimmen, die vor dir sind, um dementsprechend zu lehren, wo sie gegenwärtig sind.

Der Ansatz der Spiritualität von unten nach oben bedeutet Praktiken oder Schritte anzubieten, die, wenn sie genutzt werden, einen Menschen für die persönliche Erfahrung von spirituellen Wahrheiten hoher Ebenen öffnen. Der Ansatz von unten nach oben bietet das Lehren auf einer schwingungsmäßigen Bandbreite an, die in der Reichweite dieser Person liegen, um eine langsame, schwingungsmäßige Zunahme zu erschaffen. Selbst als Liebhaber von Philosophie ziehe ich praktische Spiritualität philosophischer Spiritualität vor. Und zu keiner Zeit wird diese Präferenz deutlicher, als dann, wenn ich selbst eine „Nicht-das-oberste-Regal-erreichen-können“- Erfahrung habe. Ich hoffe, dass diese persönliche Vorliebe mich genauso wie meine „Lehren/Angebote“ für die Menschen erreichbar macht. Ich möchte keine hochgestochenen spirituellen Wahrheiten wie eine andere Version des Himmels verkaufen, den Traumzustand, den wir alle erreichen wollen, aber spüren, dass er ober- und außerhalb von uns ist.

In solchen Augenblicken wie diesen verstehe ich, warum ich mich inkarniert habe. Wie jeder andere habe ich zwei ganz unterschiedliche Perspektiven in mir, das zeitlich gebundene und das ewige Selbst. Die meisten Menschen sind mit dem zeitlichen Selbst völlig identifiziert und so ist es ihr Lebensziel, sich von ihrem zeitlichen Selbst so weit zu desidentifizieren, dass sie ihres ewigen Selbstes gewahr werden und sich mit dem verbinden. Ich bin mit der Fähigkeit geboren, mich mit beiden Perspektiven zu identifizieren und kann tatsächlich zwischen den beiden hin– und herschalten. Aber das Ziel meines Lebens ist, diese beiden Perspektiven völlig zu integrieren. Indem ich das in meinem eigenen Leben mache, lehre ich die Welt, wie die Lücke zwischen dem zeitlich bedingten und dem ewigen Selbst zu schließen ist. Es ist sehr frustrierend für mich, wenn ich eine „Nicht-das-oberste-Regal-erreichen-können“- Erfahrung habe, weil ich buchstäblich in einer Sekunde das oberste Regal erreichen kann… indem ich aus meiner zeitlich gebunden Selbstperspektive hinausgehe und in meine ewige Perspektive schlüpfe. Aber indem ich das mache, lasse ich das zeitliche Selbst, wo es ist. Es ist eher ein Aufgeben als Integration und ich werde genau wieder zu der Schwingung zurückkehren, die mein zeitlich gebundenes Selbst gehalten hatte. Um eine lebende Verkörperung des ewigen Selbst zu werden, muss ich die beiden Perspektiven verschmelzen. Es ist so etwas wie die spirituelle Version von „wir lassen keinen im Stich“.[1] Ich floh in diese Perspektive des ewigen Selbst während des Missbrauchs in meiner Kindheit. Aber Fluchtverhalten steht nicht mehr zur Wahl in meinem Leben. Ich will alles von mir in den Zustand der lebendigen Erleuchtung mitnehmen. Alles, was weniger wäre, fühlt sich grundsätzlich nicht richtig an.

Lighthouse park in Vancouver

Heute geht der von unten nach oben Ansatz folgendermaßen: Mache eine Liste von den Dingen, die du in deinem jetzigen Leben wertschätzt, Dinge, die gut sind und gut gehen. Es ist nicht möglich, einen Gedanken der Wertschätzung oder Dankbarkeit zu denken und gleichzeitig einen Gedanken zu denken, der auf der Schwingung von Hoffnungslosigkeit liegt. Es ist wie ein Gegengift zu Gedanken, die dich zu überzeugen suchen, dass das Leben schlecht verläuft. Vielleicht trägst du deine Antworten auch unten ein, wo die Kommentare stehen.

[1] No man left behind. Grundsatz des amerikanischen Militärs, keinen seiner Angehörigen jemals im Stich zu lassen.

Original: Top Down, Bottom Up

Übersetzung: https://tealswandeutsch.wordpress.com/

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