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Die Farbe folgt dem Pinsel über das Weiß der Leinwand; die Sonne schimmert auf ihrer Nässe, als ob sie sie mit ihrer Wärme trocknen wollte. Es wird zu einer Trance. Kein Gedanke. Das Bild fängt sich selbst an zu malen, durch mich. Ich fühle mich wie ein Übersetzer für die Farben und Muster, die zu Leben kommen, um gesehen und gefühlt zu werden. Es gibt keinen Gedanken darum, welche Farbe zu verwenden ist, sie sind bereits ausgewählt worden und die Finger wissen instinktiv, wie sie zu finden sind. Es gibt kein Denken darüber, wie zu malen ist; das Herz weiß, die Bewegungen zu steuern, die zu machen sind. Ich bin heute in der Mitte eines neuen Schwingungsbildes. In der Mitte der dunklen Nacht der Seele ist diese Schwingung gekommen, mich vom Chaos des inneren Aufruhrs wegzulocken. Es ist eine Auftragsarbeit, ein Schwingungsbild gemalt für jemand Anderen. Aber es wird auf mich wirken und mich beeinflussen, während ich es male. Es wird all jene berühren, die damit in Kontakt kommen, bevor es seine endgültige Bestimmung an der Wand des Käufers erreicht.

Ich habe mich selbst für ein monatelanges Projekt entschieden. Es ist Zeit, meine eigenen Lehren wieder aktiv auf mein Leben anzuwenden. Ich habe den Geist eines Meisterschöpfers, reich mit der Gabe der Obsession. Es ist sowohl eine Gabe wie ein Fluch. In der dunklen Nacht der Seele ist es ein Fluch wie kein anderer. Die Wucht der Ausdehnung meines Bewusstseins ist so schnell und stark – wenn es eine negative Richtung einschlägt, kann das sehr gefährlich für mein Leben werden. Also ziehe ich mich von der Schattenarbeit zurzeit zurück und richte stattdessen diesen Impuls in die entgegengesetzte Richtung. In jedem freien Augenblick fokussiere ich meine Aufmerksamkeit auf etwas, das sich ein wenig besser anfühlt – und noch etwas besser anfühlt, bis es eine Gewohnheit für den Geist wird, sich auf etwas auszurichten, was sich gut anfühlt. Ich beantworte meinen eigenen Notruf. Ich finde, dass es wunderbar ist, dass ich mich dafür entschieden habe, mich in dieser Weise zu retten, in Anbetracht dessen, dass ich in letzter Zeit gelehrt habe, Bedürfnisse aufzudecken und sie dann zu erfüllen. Je tiefer ich in die Überbleibsel meines Kindheitstraumas eintauche, desto mehr wird mir bewusst, dass ich immer gerettet werden wollte. Und um die Wahrheit zu sagen, ein Teil von mir muss sich wegen der Tatsache betrüben, dass mich keiner gerettet hat. Ich musste mich selber retten. Das ist in sowohl einsam als auch ermächtigend.

Ich habe bei Leuten wegen der Frage, wie man die scheinbar entgegengesetzten, doch sich ergänzende Praxis von Schattenarbeit und positiven Fokus „ausbalancieren“ kann, viel Verwirrung mitbekommen. Heute Abend ging ich mit Justin Olaguer (ein etwas entfernteres Mitglied der intentionalen Gemeinschaft) zum Essen aus. Und er erläuterte mir zu dieser Frage eine Denkweise, von der ich denke, dass sie es wert ist, sie mit allen zu teilen. Stelle dir drei Kugeln vor.
Eine Kugel stellt Selbstliebe dar, eine stellt Schattenarbeit dar und die letzte steht für positiven Fokus. Jetzt stelle dir die Selbstliebekugel oben und die beiden anderen Seite an Seite vor… Wenn du von der Selbstliebekugel zu den beiden anderen Linien einzeichnest, ergibt das ein Dreieck. Selbstliebe sollte das Kriterium dafür sein, Schattenarbeit oder positiven Fokus zu praktizieren. Sie ist die höchste Macht. Und die Selbstliebe wird von den beiden Praktiken getragen.

Wenn du dir die Frage stellst, „was würde jemand tun, der sich selbst liebt?“ wirst du auf deine Antwort kommen. Zum Beispiel, manchmal weichen wir unserem inneren Kind und uns selber aus, indem wir keine Schattenarbeit machen und also ist es selbstliebend, Schattenarbeit zu machen. Manchmal verweigern wir uns Freude, wenn wir Schattenarbeit machen und also ist es selbstliebend, Übungen mit positivem Fokus zu machen. Betrachte sie als zwei Werkzeuge, jedes der beiden wird dann angewendet, wenn es für uns am meisten stimmt, dieses besondere Werkzeug anzuwenden. Wir müssen nur sehr ehrlich uns gegenüber sein, was zu der Zeit selbstliebend ist und wenn wir es nicht wissen, wenn wir unser Herz nicht hören können, können wir improvisieren, indem wir raten.

Ich bin während eines Interviews vor zwei Tagen gefragt worden, warum ich meinen Stuhl auf dem Podest als ein spiritueller Lehrer aufgegeben habe, indem ich meine eigenen Schatten der Welt offengelegt habe. Diejenigen unter euch, die meine Arbeit seit einiger Zeit verfolgen, wissen bereits die Antwort. Ich könnte fast wie jeder andere Lehrer sein und sie vor der Welt verbergen. Wenn ich in eine dunkle Nacht der Seele eintrete, könnte ich einfach in irgendeine Berghöhle gehen und es nach meiner Rückkehr eine Transformation nennen. Aber das ist nicht sehr hilfreich. Es ist nur eine Halbwahrheit.

Der Geburtsprozess sieht aus der Sicht des Raums hinter dem Kreißsaal wunderschön aus, sobald das neue Baby geboren ist. Die Laken sind weiß. Das Baby schläft friedlich in den Armen seiner Mutter. Alles erscheint in einem wunderbaren Licht. Es gibt einen Zustand von Frieden, der ohnegleichen ist. Wenn wir aber zurück zum Kreißsaal selbst gehen, ist da Blut. Da sind Zweifel. Da sind Augenblicke, wenn es so erscheint, dass die Wehen nicht länger zu ertragen sind, um weiterzumachen. Es scheint ein Trauma zu sein. Die Leute sehen gequält aus, weil sie es sind. Wenn wir uns durch die Schichten der verschiedensten Dinge wiedergebären, die uns davon abhalten, eine Verkörperung unseres wahren Selbst zu sein, ist es diesem Prozess sehr ähnlich. Einige erfahrene Mütter sind Meister darin, ohne Stress zu gebären. Einige reife Menschen sind Meister darin, sich selbst ohne Stress wiederzugebären. Ich sage dir aber, dass genauso wenig wie natürliche Geburten nicht die gemeinsame Erfahrung von Müttern sind, dass das Wiedergebären des Selbst ohne Stress noch nicht die gemeinsame Erfahrung der spirituellen Menschen ist, die auf der Erde wandeln. In unseren Leben hat es zu viele Traumen gegeben, als dass unser Wiedergeburtsprozess so ganz ohne Widerstand sein könnte.

Die meisten spirituellen Lehrer schließen die Tür zum Kreißsaal gegenüber jenen ab, die sie lehren, wenn sie selber eine Wiedergeburt durchleben (und das tun sie). Wir werden jeden anderen bei ihrem Geburtsprozess beistehen, aber würden es niemals wagen, irgendjemanden uns schreien oder bluten sehen zu lassen. Und, ehrlich gesagt, wer klagt uns dafür an? Kannst du dir vorstellen, durch einen Geburtsprozess zu gehen und gleichzeitig würden Leute sagen, „wow… jetzt ist sie gerade ganz weit weg von ihrer Ausrichtung… nicht was ich mir als ein Beispiel wünschen würde, wie eine spirituell entwickelte Person sein sollte.“ Aber das ist nur eine Seite. Wenn nicht einer von uns die Tür zum Kreißsaal öffnet, wird zu jeder Zeit, da eine Person in einen Wiedergeburtsprozess eintritt, sie über sich in einer Weise urteilen, wie sie denkt, wie sich eine spirituelle entwickelte Person fühlen oder agieren sollte, wenn sie an eine Herausforderung herankommt. Sie werden sich selbst als unzulänglich ansehen und in diesem Moment ihr Selbstwertgefühl verlieren und auch ihre Verbindung genau zu der Sache, der sie bedürfen… das heißt zur Quelle. Gegenüber dem Guru wirst du immer schlecht abschneiden, weil der Guru nicht existiert.

Der Guru ist ein Vollbringer. Die Person, die du hinter der Bühne triffst, wird nicht die Person sein, die dann erhöht vor der Menge sitzt. Über Tausende von Jahren glaubten wir, dass es so bleiben sollte. Wir glaubten, dass wir das Versprechen repräsentieren sollten von dem, was sein könnte. Das Versprechen, dass Leben sich ständig einfach und gut anfühlen kann… wenn du einfach nur diesen Schritten folgst. Und es ist ein wunderbares Versprechen. Bis es sich zu dem Standard entwickelt, an dem du dich und wir uns halten sollten. Wenn du das tust und wenn wir das tun, werden wir jedes Mal, wenn wir eine Erfahrung haben, die „weniger als das“ ist, werden wir von Schamgefühlen lebendig aufgefressen. Du verfehlst die Möglichkeit, von diesem Raum aus zu lehren und du verlierst die Gelegenheit, von diesem Raum zu lernen. Am Wichtigsten ist, wenn wir uns geringer fühlen oder reagieren als in der Weise, wie wir als spirituelle Menschen fühlen oder reagieren sollten, sind wir von unserer Verbindung zu uns selbst als spirituelle Wesen abgeschnitten. Wir fühlen uns von unserer Spiritualität abgeschnitten. Plötzlich erscheint jeder andere als mehr spirituell. Jeder Andere scheint es richtig zu machen. Das ist nicht wahr. Es ist eine Illusion, die wir alle aufrecht erhalten haben, weil wir uns nicht bereit fühlen, uns zum Leben zu bekennen. Wir benutzten Spiritualität seit Tausenden von Jahren ohne zu erkennen, dass Leben der Inbegriff der spirituellen Praxis für die Seele ist.

Die Lehren, die von der dunklen Nacht der Seele kommen, die normalerweise den Schülern lange nachdem die dunkle Nacht vorbei ist… und mit viel weniger Details, sind diejenigen, die anderen durch den Prozess der Wiedergeburt helfen werden, selber durchzukommen. Hebammen wissen, dass es einige Zeiten gibt (wie Vollmond oder während Stürmen), wenn es so aussieht, als ob alle Mütter zur gleichen Zeit in die Wehen kommen. Genauso gibt es Zeiten im Jahr, wo es so aussieht, als ob fast alle Menschen zur gleichen Zeit in den Prozess der Wiedergeburt gerieten. Wir sind in der Mitte eines solchen Zyklus. Und für jene von euch, welche die Schwierigkeiten des Wiedergeburtsprozesses erfahren, ist oftmals nur die Erleichterung vonnöten, dass man weiß, man ist nicht allein. Du bist nicht der, der aus der Reihe fällt. Es ist nur so, dass jeder andere die Tür zu seinem Kreißsaal geschlossen hält. Aber ich weigere mich, einer von denen zu sein. Ich halte sie offen für jene von euch, die begreifen warum.

Heute finde ich, dass es selbstliebend für mich ist, geführten Meditationen zuzuhören. Ohne Anstrengung für mich, kann ich in meinen Weg zu mehr Ruhe und Ausrichtung hinein hören. Wenn es erforderlich ist, kann ich einer so oft zuhören, wie ich es brauche, um mich weiterhin gut zu fühlen. Dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich diese Schwingung ohne die Meditation aufrecht erhalten kann, fange ich damit an, Dinge aufzulisten, für die ich dankbar bin. Dann beschließe ich, spazieren zu gehen und mich in die Sonne zu setzen. Ich kann fühlen, wie die Energie in mein Wesen einströmt. Ich kann Erleichterung verspüren. Ich komme nach Hause und verteile Farbe auf der Leinwand. Ich fühle mich wie eine Schlange. Erschöpft und zitterig, ich empfinde es so, also ob ich meine alte Haut abgestreift hätte und jetzt eine neue Haut trage. Eine neue Haut, die in ihrer Neuheit noch offen und zart ist. Nach einiger Zeit werde ich wachsen, um sie als eigen anzuerkennen. Ich werde sie der Welt präsentieren. Nach und nach wird es sich so wie ich anfühlen.

Nichts bleibt wie es war. Je mehr wir uns diese Wahrheit zu Eigen machen, desto besser werden wir darin, das Neue zu gebären und desto besser werden wir darin, aufs Neue zu beginnen.

Original: Delivery Room Door

Übersetzung: https://tealswandeutsch.wordpress.com/

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